Psychotherapeutische Praxis Dr Roberto Tannchen

 

Archive for the ‘Texte’ Category

Lass dich fallen / stay loose (von SARK, nicht von Beuys)

Posted on: July 20th, 2018 by Roberto Tannchen No Comments

Lasse dich fallen.
Lerne, Schnecken zu beobachten
Pflanze unmögliche Gärten.
Lade jemand Gefährlichen zum Tee ein.
Mache kleine Zeichen, die „ja“ sagenund verteile sie überall in deinem Haus.
Werde ein Freund von Freiheit und Unsicherheit.
Freue dich auf Träume.
Weine bei Kinofilmen.
Schaukle, so hoch du kannst mit einer Schaukel bei Mondlicht.
Pflege verschiedene Stimmungen.
Verweigere dich, „verantwortlich“ zu sein. Tue es aus Liebe.
Mache eine Menge Nickerchen.
Gib weiter Geld aus.
Mache es jetzt.
Das Geld wird folgen.
Glaube an Zauberei.
Lache eine Menge.
Bade im Mondlicht.
Träume wilde, phantastische Träume.
Zeichne auf die Wände.
Lies jeden Tag.
Stell dir vor, du wärst verzaubert.
Kichere mit Kindern.
Höre alten Leuten zu.
Öffne dich.
Tauche ein.
Sei frei.
Preise dich selbst.
Lass die Angst fallen.
Spiele mit allem.
Unterhalte das Kind in dir.
Du bist unschuldig.
Baue eine Burg aus Decken.
Werde naß.
Umarme Bäume.
Schreibe Liebesbriefe.…
und ich sage: Tanze so viel wie möglich!
(SARK / Susan Ariel Rainbow Kennedy)

[dieses Gedicht wird fälschlicherweise Beuys zugeschrieben und enthält in der deutschen Fassung einen Übersetzungsfehler:
Im Original ist von “snails” die Rede, nicht von “snakes” ]


Englisches Original

stay loose.
learn to watch snails.
plant impossible gardens.
invite someone dangerous to tea.
make little signs that say yes! and post them all over your house.
make friends with freedom and uncertainty.
look forward to dreams.
cry during movies.
swing as high as you can on a swingset, by moonlight.
cultivate moods.
refuse to be „responsible“. do it for love.
take lots of naps.
give money away.
do it now.
the money will follow.
believe in magic.
laugh a lot.
celebrate every gorgeous moment.
have wild imaginings, transformative dreams, and perfect calm.
draw on the walls.
read every day.
imagine yourself enchanted.
giggle with children.
listen to old people.
open up.
dive in.
be free.
bless yourself.
drive away fear.
play with everything.
entertain your inner child.
you are innocent.
build a fort with blankets.
get wet.
hug trees.
write love letters.
..and dance as much as you can!

Buchempfehlung »Liebe mit offenen Augen« von Jorge Bucay

Posted on: December 28th, 2016 by axel No Comments

(mit freundlicher Genehmigung des Verlages)

Manchmal begegnet man Büchern, die einem aus dem Herzen sprechen oder in denen man sich mit seinen bisherigen privaten und beruflichen Lebenserfahrungen wiederfindet. So ging es mir bei der Lektüre des Buches »Liebe mit offenen Augen« von Jorge Bucay. Dieses Buch gibt viele Anstöße zu Reflektionen über die eigene Person sowie das Wesen der Liebe und das partnerschaftlicher Beziehungen. Darüber hinaus gibt es viele Einblicke in paartherapeutische Ansätze. Da dieses Buch vieler mei-ner Gedanken und Erfahrungen aus meinem privaten und beruflichen Leben als Einzel- und Paarpsychotherapeut widerspiegelt, möchte ich – neben einer kurzen allgemeinen Buchbeschreibung – einige Gedanken aus diesem Buch in Form von Textzitaten mit Ihnen teilen. Ich freue mich, wenn ich damit Ihr Interesse zum Weiterlesen und zur Reflektion über Liebe und Partnerschaft wecken konnte.

Laura und Fredy (Alfredo), zwei Gestalt- und Paartherapeuten, tauschen sich per Email über ein Buchprojekt zum Thema Paarbeziehungen aus, das sie gemeinsam in Angriff genommen haben. Von Fredy zunächst unbemerkt, erreichen Lauras Nachrichten nicht ihn, sondern den Marketingexperten Roberto, der sich in seiner Beziehung mit Freundin Cristina in einer Sackgasse befindet. Anfänglich löscht er die versehentlich erhaltenen Nachrichten ohne darauf zu antworten, aber auch ohne den Irrtum aufzudecken. So kann er wenig später, als er sich und Cristina in Lauras Ausführungen über die Schwierigkeiten in Liebe und Paarbeziehungen wieder erkennt, doch noch in Fredy’s Rolle schlüpfen, und in dessen Namen auf Lauras E-Mails antworten. Roberto fühlt sich durch den Austausch mit Laura – sie setzen sich u.a. mit Theorien und Denkansätzen von Erich Fromm und Antoine de Saint-Èxupèry auseinander und thematisieren psychodynamische Vorgänge in gestörten Paarbeziehungen – für seine eigene Beziehung inspiriert, lernt, wie Partnerschaften gelingen können und welche Gründe immer wieder dazu führen, dass sie misslingen. Die Anregungen, die er von Laura erhält, zeigen uns, den Lesern, auch, dass eine moderne Partnerschaft in unterschiedlichsten Formen gelebt werden kann: als Ehe, Romanze oder Verbindung im Internet.

»Wenn sich Menschen mit Beziehungsschwierigkeiten konfrontiert sehen, neigen sie dazu, diese ihrem Partner, ihrer Partnerin anzulasten. Sie spüren sehr deutlich, inwiefern sich der andere ändern müsste, damit die Beziehung funktionierte, während es ihnen äußerst schwer fällt, den eigenen Anteil an der Entstehung des Problems zu erkennen.«

»Vielen Menschen fällt es schwer, zu formulieren, was in ihnen vorgeht, was sie brauchen oder empfinden. Immer wollen alle bloß über den anderen reden.«

»Deshalb sollte man sich bei Auseinandersetzungen in der Beziehung als erstes klarmachen, dass manche Strecken auf dem Weg der Liebe holprig sind. Eine intime Beziehung ohne Konflikte gibt es nicht. Der Ausweg besteht darin, die Phantasie vom idealen Paar, das keine Konflikte kennt und unentwegt verliebt ist, ad acta zu legen. Es ist verblüffend, wie sehr die Leute diesem Ideal nachhängen.«

Wir sollten Konflikte als einen Weg begreifen, »auf dem ich meine Schranken überwinden und mich so dem anderen nähern kann, darüber hinaus aber auch als einen Weg, auf dem ich meinem Gefährten begegne – was dann natürlich auch zum Wandel in der Begegnung mit mir selbst führen wird. Eine Paarbeziehung trägt zu unserer persönlichen Entfaltung bei, hilft uns, an unseren menschlichen Qualitäten zu feilen, uns selbst besser kennen zu lernen.«

»Die Paarbeziehung rettet uns vor nichts. Sie darf uns vor nichts retten. Viele Menschen suchen ihren Partner, um auf diese Weise ihre Probleme zu lösen. Sie glauben, dass eine intime Beziehung sie von ihren Ängsten, ihrer Langeweile, ihrem Gefühl der Sinnlosigkeit heilen wird. Sie hoffen, dass ein Partner die Lücken in der eigenen Persönlichkeit stopft.«

Ich muss mein eigenes Leben meistern, ohne die Erwartung, dass jemand dies für mich erledigt. Das bedeutet aber auch: »ich sollte nicht versuchen, das Leben eines anderen zu meistern, sondern das Zusammensein mit dem anderen als ein gemeinsames Projekt zu meistern, das dazu dient, dass es uns gut geht, wir aneinander wachsen, uns miteinander vergnügen – aber nicht dazu, dass der andere meine Schwierigkeiten beseitigt.«

»Darin eben liegt der Sinn des Paares: nicht in der Rettung, sondern in der Begegnung. Oder, besser gesagt, in den Begegnungen. Ich begegne Dir. Du mir. Ich mir. Du Dir. Wir den anderen Menschen.«

»Der beste, genauste und grausamste Spiegel ist der der Paarbindung: Es ist die einzige Bindung, in der mir aus größter Nähe meine schlechtesten und meine besten Eigenschaften widergespiegelt werden können«

»Ein großer Teil der paartherapeutischen Arbeit besteht darin, beiden Individuen dabei zu helfen, stets mit dem verbunden zu bleiben, was in ihnen individuell vorgeht, und sich nicht damit aufhalten, über den anderen herzuziehen.«

»Wenn sie hierher kommen, sind sie meist voller Groll und voller unausgesprochener Vorbehalte und der Therapeut soll es ihnen ermöglichen, sich ungezwungener zu verhalten, zu äußern, was auszusprechen ihnen Angst macht, ihren Schmerz zu zeigen.«

»Eines der Therapieziele besteht darin, dass es zu einer Begegnung kommt.«

»So gesehen, sind Konflikte eine Möglichkeit, mich selbst zu entdecken, kennen zu lernen, sensibel dafür zu werden, was in mir vorgeht – also aus ihnen zu lernen. Paare kommen in die Beratung, weil sie das Gegenteil tun. Jedesmal, wenn ein Konflikt in der Beziehung auftritt, beginnt der eine den anderen zu interpretieren oder ihm zu sagen, was er zu tun hätte, und ihn für das ganze Ungemach verantwortlich zu machen.«

»Es gilt, die Verantwortung für das eigene Leben zurückzugewinnen«

»Im Zustand des Verliebtseins empfinden wir Freude, weil wissen, dass es den anderen gibt. Wir sind erfüllt von der keineswegs alltäglichen Empfindung vollkommener Zufriedenheit.«

»Wenn man sich verliebt, sieht man in Wirklichkeit den anderen nicht in seiner Totalität; vielmehr funktioniert der andere wie ein Bildschirm, auf den der Verliebte seine idealisierten Eigenschaften projiziert.«

»Die Gestaltung der Liebe beginnt, wenn ich denjenigen, den ich vor mir habe, zu erkennen vermag, wenn ich den anderen entdecke. Genau da tritt die Liebe an die Stelle der Verliebtheit.«

»Liebe meint, dass „uns das Wohlbefinden des anderen wichtig ist“. Nicht mehr und nicht weniger. Liebe als ein Wohlbefinden, das Körper und Seele überkommt und sich ausbreitet, sobald ich den anderen sehen kann, ohne ihn ändern zu wollen.«

»Verliebtsein ist eine Beziehung zu mir selbst, auch wenn ich mir dafür eine bestimmte Person als Projektionsfläche für meine Empfindungen ausgesucht habe.«

»Ich denke, dass Beziehungen Momenten des Verliebtseins, der Liebe und des Hasses ausgesetzt sind. In der Realität liegen Liebe und Hass sehr nahe beieinander. Niemand können wir so hassen wie den, den wir lieben.«

»Sich verlieben heißt, die Übereinstimmungen zu lieben, und lieben, sich in die Unterschiede zu verlieben.«

»Liebe hingegen ist ein vernünftiges und mühsames Unterfangen. Es ist dauerhafter und weniger turbulent, aber man muss hart arbeiten, damit es Bestand hat.«

»Die erste These unseres Beratungskonzepts lautet, dass Paarprobleme aus individuellen Problemen resultieren, die in der Beziehung zum Ausdruck kommen.«

»Wenn Dich eine bestimmte Situation ärgert, dann deshalb, weil sich in dem Konflikt ein individuelles Problem spiegelt.«

»Ich projiziere auf den anderen jene Anteile von mir, die im am stärksten in mir ablehne. Wenn ich bemerke, wie sehr mich etwas am anderen stört, untersuche ich, inwiefern es an mir selbst stört.«

»Ich höre auf, den anderen laufend zu beschuldigen, und beginne, meinen Anteil an dem jeweiligen Konflikt zu sehen. Statt meine Energie darauf zu verwenden, den anderen umkrempeln zu wollen, nutze ich sie, um mich selbst zu beobachten und mich anschließend dem anderen mitzuteilen – ihm mitzuteilen, was ich benötige und was sein Verhalten bei mir auslöst. Meinem Partner wird dadurch das Zuhören wesentlich erleichtert.«

»Paare trennen sich aus dem gleichen Grund, aus dem sie sich zusammentun.«

Über die Psychoanalyse

Posted on: March 30th, 2016 by Roberto Tannchen No Comments

Grundlage meiner Arbeit ist die Psychoanalyse, welche insbesondere eine Wissenschaft ist, die sich mit der Erforschung des Seelenlebens beschäftigt. Sie untersucht und stellt Hypothesen darüber auf, wie die Psyche funktioniert. Ihr bedeutendster Vertreter, Sigmund Freud, entdeckte vor mehr als hundert Jahren, dass die Psyche des Menschen nicht nur bewusst und willentlich gesteuert wird, sondern dass es im Erleben und Verhalten der Menschen auch Unbewusstes gibt, das erheblichen Einfluss auf uns hat. Bei seinen Beobachtungen entdeckte er, dass wir oftmals nicht das tun, was wir uns vornehmen. Tatsächlich gibt es vielfältige Störungen, die dazu führen, dass wir unser bewusstes Vorhaben anders ausführen oder sogar aufgeben. Es gehört zu den grundlegenden Erkenntnissen der Psychoanalyse, dass unser Seelenleben von diesen inneren, unbewussten Konflikten geprägt und unser Verhalten dadurch gesteuert wird. Aus diesen ersten Entdeckungen Sigmund Freuds ist heute eine lebendige Wissenschaft geworden, welche stetig Weiterentwicklungen erfährt.

Die Psychoanalyse ist neben der Forschung aber auch eine Behandlungsform für psychische Erkrankungen. Von den drei in Deutschland anerkannten psychotherapeutischen Verfahren fußen zwei, die analytische Psychotherapie und die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, auf der Grundlage der Psychoanalyse als Wissenschaft und ihren daraus gewonnenen Erkenntnissen zur Entstehung und Behandlung psychischer Erkrankungen. Viele dieser Erkrankungen können heute mit Hilfe der Psychoanalyse gut verstanden und effektiv behandelt werden. Die Psychoanalyse bietet vielfältige Behandlungstechniken, welche zum Wohle der Patienten eingesetzt werden können. Die Wirkung dieser Behandlungstechniken ist heute in vielfältigen Studien zur Behandlung von Depressionen, Ängsten und anderen psychischen Erkrankungen belegt.

Neben diesem klinischen Tätigkeitsbereich wendet sich die Psychoanalyse aber noch ganz anderen Feldern zu. So untersucht sie beispielsweise die Wirkung von Filmen, Literatur und bildender Kunst und beschäftigt sich mit Konflikten zwischen Staaten. Auch Schwierigkeiten in Organisationen und gesellschaftlichen Fragen wie den verborgenen Dimensionen der Finanzmärkte, wendet sie sich zu.

Der Adler

Posted on: March 30th, 2016 by Roberto Tannchen No Comments

Eines Tages fand ein Bauer unter einem Adlerhorst ein Ei. Er nahm es mit und legte es bei seinen Hühnern ins Nest. Die brüteten es aus und ein junger Adler kam zur Welt. Weil er aber unter lauter Hühnern lebte, wusste er nicht, dass er der König der Lüfte war. Er lernte gackern, scharren und picken. Nur fliegen lernte er nicht. Eines Tages sah er hoch am Himmel einen Adler fliegen. “Das möchte ich auch einmal…”, seufzte er. Die anderen Hühner aber lachten ihn aus und meinten: “Das schaffst du nie. Du bist und bleibst ein Huhn.” Damit gab sich der Adler zufrieden, begrub seine Sehnsucht, wurde alt und grau und starb auf dem Hühnerhof. Dabei hätte er doch nur ein einziges Mal seine Flügel ausbreiten müssen, um den Adler in sich zu entdecken.

Wer seiner Sehnsucht nie Flügel verleiht, der muss ewig mit den Hühnern scharren. Dabei ist es doch die Lebensaufgabe des Menschen, den Adler in sich zu entdecken.

(Nacherzählung einer Lehrgeschichte)

(Besser ein Adler zwischen Hühnern als ein Huhn zwischen Adlern)

Leitkultur versus Multikulturell

Posted on: June 22nd, 2010 by Roberto Tannchen No Comments

Psychoanalytische Gedankenanstöße zu dem Thema Fremdenfeindlichkeit

Es ist durchaus möglich, sich rational oder intellektuell mit den Grausamkeiten zu beschäftigen, die uns tagtäglich begegnen: ob es der Krieg im ehemaligen Jugoslawien ist, Palästina oder Gewalttätigkeiten in unserem eigenen Land – wir sprechen dann über das „Unbelehrbare“ im menschlichen Wesen, über die Bestie, die in uns steckt. Trotzdem fällt es schwer, sich selbst darin wiederzuerkennen, das ganz persönliche Betroffensein bleibt meist weit weg, weil wir uns gar nicht vorstellen mögen, dass wir so etwas tun könnten oder dass es uns passiert.

Es wäre bestimmt viel einfacher, wenn man die Welt in Gut und Böse teilen könnte. Durch die klare Grenzlinie zwischen Uns und den Anderen – wobei die Anderen natürlich die Bösen sind – könnte man Ordnung schaffen. Man weiß dann, wer der Feind ist, was zu bekämpfen wäre, woher das Unheil kommt. Unsere Aufmerksamkeit hätte ihr Ziel, und ihre Aufgabe wäre, sich mit diesem Feind auseinander zu setzen.

Es ist eine alte Weisheit, dass äußere Feinde innere Zusammengehörigkeit stärken – im gesellschaftlichen Prozess gilt dies genauso wie im individuellen Prozess des Einzelnen. Innere Befriedigung mit uns selbst und den Unsrigen ist einfacher, wenn es in der Außenwelt Bedrohungen gibt. Dies ist ein altes Überlebensprinzip für alle sozialen Gruppen. So wird vielleicht auch verständlicher, warum es so wichtig für uns alle ist, Feindbilder zu konstruieren und sie zu erhalten, und wo Alte an Sinn verloren haben, Neue zu schaffen. Sicher fallen jedem genügend Beispiele von historischer Bedeutung ein – dieser Kreislauf wiederholt sich immer wieder in der Bildung von politischen Blöcken, von Kriegen zwischen Volksgruppen, von Kämpfen gesellschaftlicher Schichten untereinander, Generationenkonflikten, Familienkrisen, Ehestreitigkeiten.

Er wiederholt sich auch in der Problematik der Auseinandersetzung zwischen Deutschen und Ausländern, Einheimischen und Fremden.

Diese Hypothese wird mittlerweile gerne in Massenmedien ausgeschlachtet, sie reicht jedoch sicherlich nicht aus, wäre als Erklärungsmodell zu vereinfachend und oberflächlich. Deshalb möchte ich zwei weitere Thesen aufstellen, die mir in diesem Zusammenhang wichtig sind:

  1. Die Spaltung in Gut und Böse entsteht durch die Unerträglichkeit der eigenen
    Ambivalenz.
    Das heißt: Wir können schlecht ertragen, dass positive und negative Persönlichkeitsanteile nebeneinander existieren. Ja, wir negieren sogar die Existenz der negativen, bösen Wünsche, Bedürfnisse und Phantasien. Alles, was als negativ angesehen wird, darf nicht zu mir gehören, denn ich bin doch ein guter, vernünftiger und liebenswerter Mensch. Das Negative wird so als „ichfremd“ erlebt, etwas, was die oder der Andere macht, und der sich damit aus der Gemeinschaft der Guten ausgrenzt.Ich spreche hier natürlich von psychischen Prozessen, die in der Regel ohne Beteiligung des Bewusstseins, also fast automatisiert ablaufen. Dieser Mechanismus ist auch nicht per definitionem pathologisch – er gehört sogar zur ganz normalen und notwendigen psychischen Entwicklung eines Kindes und ist natürlich auch bei Erwachsenen immer wieder anzutreffen. Aber bei Erwachsenen kann man durch die Reife der Persönlichkeit erwarten, dass sie diesen „kindlichen“ Mechanismus durch das Wissen um ihre persönliche Integrität selbstkritisch reflektieren können.Ich habe manchmal von kollektiven, dann wieder von persönlichen, individuellen Prozessen gesprochen. Es wäre sicherlich falsch, beides nur auf die gleichen Mechanismen zurückzuführen. In vielen Punkten gibt es jedoch Parallelen und Überschneidungen. Ich möchte dies an einem Beispiel deutlich machen:In der Gruppe, vor allem aber in der Großgruppe wie z.B. bei Massenkundgebungen, geschehen Handlungen/Aktionen viel unmittelbarer, spontaner – vielfach unbewusst ohne weitere Reflektion. Dies liegt daran, dass der Einzelne in der Großgruppe einen Teil der sonst funktionierenden Selbstkontrolle abgibt – an die Gruppe, die als Leiter phantasiert wird und funktionieren soll. Diese Schwächung der Selbstkontrolle führt gleichzeitig zu einer Stärkung der ansonsten kontrollierten Anteile im Menschen – so können sich auch aggressive Anteile in jeder Intensität entfalten, bis hin zur Destruktion.

    Das bedeutet aber, dass unter bestimmten Bedingungen jeder von uns potentiell zu Dingen fähig ist, die er in der Distanz als Unvorstellbares weit von sich weisen würde. Stellen wir uns nur einmal Paniksituationen in einem großen Raum vor – jeder weiß, wie schnell die Angst auch einen selber ergreift, ohne dass man das Gefühl hat, sich wehren zu können, wie man dann blind an einen Gedanken gefesselt agiert. Aus vielen Berichten wissen wir, dass es dabei oft zu schrecklichen Unfällen kommt.

    Ein anderes Beispiel für die ansteckende Natur von emotionalen Botschaften in der Gruppe ist das Lachen – wer kann schon neben einem Lachenden sitzen, ohne nicht wenigstens mitzulächeln, vor allem wenn das Lachen dann von vielen mitgetragen wird.

    Doch zurück zu meinem eigentlichen Thema: Die Gefahr des Ausländerhasses liegt nicht so sehr in den kleinen gewalttätigen Einzelaktionen krimineller Jugendlicher, denn diese Gruppen sind schnell und gut abzugrenzen und erkennbar – die Gefahr liegt in den applaudierenden Schaulustigen oder den dabei stehenden Polizisten, die nicht eingreifen, weil sie sich auch mit diesen Jugendlichen unbewusst identifizieren, nicht, weil sie im Grunde rechtsradikal seien, so wie es gerne propagiert wird, sondern weil die Aktion dieser extremen Gruppe einem Ventil bei den Zuschauenden entspricht – einem Ventil für unbewusste, ansonsten kontrollierte Aggressionen.

    Es ist mir an diesem Punkt wichtig, deutlich zu machen, dass ich nicht als derjenige verstanden werden möchte, der sich als Psychoanalytiker nur in innerpsychische Prozesse vertieft und dabei etwas weltfremd die sozialen Tatsachen aus den Augen verliert. Natürlich ist mir bewusst, dass die soziale Realität mit erhöhter Arbeitslosigkeit, Verminderung des Wohlstands und auf der anderen Seite die zunehmende Zahl der Einwanderungswilligen ein Unruhe- und Unzufriedenheitspotential schafft, das nicht nur mit meiner ersten These zu erklären ist.

    Die Ohnmacht, die der Einzelne bei der ständig steigenden Flut von gesellschaftlichen Problemen spürt, die Bedrohung des eigenen und des gesellschaftlichen Status Quo, die Handlungsunfähigkeit der politisch Verantwortlichen – all das produziert Angst. Das Gefühl der Machtlosigkeit gepaart mit dem Gefühl der Angst führt jedoch zur Aggression. So komme ich nun zur zweiten These:

  2. Das Fremde produziert Angst.Der Fremde ist das Unbekannte, das Unheimliche; die Angst ist eine Angst vor Verlust.

    Traditionelle Symbole, familiäre Bindungen über Generationen und soziale Zusammengehörigkeit sind wichtige Aspekte in der Bildung der eigenen Identität und ein zentraler Teil des Heimatgefühls. Die Angst vor dem Verlust dieser Formen ist mit der Angst vor dem Verlust der Erinnerung und damit der Säulen der eigenen Identität verbunden.Besonders eindrücklich sehen wir dies in einem Kulturprodukt, der „Science-fiction“: Es existiert kaum ein Film dieser Art, in dem die Außerirdischen nicht als Bedrohung der irdischen Existenz dargestellt wären – ist es nicht merkwürdig, dass trotz der immer sich wiederholenden, kaum veränderten Story fast jeder Film ein Erfolg wird? Hätte dieses Genre nicht ein unbewusstes Korrelat in der menschlichen Psyche gefunden, wären sie sicherlich nicht auf eine solche überwältigende Resonanz gestoßen. Das Unbekannte verwandelt sich auch hier in das Bedrohliche für das Bekannte, dabei wird in der Science-fiction ja jedes nur Erdenkliche in diese „Anderen“ hineinphantasiert. Die Phantasie der Ohnmacht vor dem unendlichen, mächtigeren Außerirdischen findet sich ebenfalls wieder in den Angstphantasien der Ohnmacht gegenüber „dem Osten“, oder auch in der Angst vor der unendlichen Armut der Dritten Welt. In beiden Bildern werden ebenfalls Bedrohungsgefühle geweckt – auch hier wieder die Bedrohung der eigenen, althergebrachten Existenz und Identität und deren mögliche Vernichtung.

Fast jede Kultur ist an ihrem Erhalt orientiert, Zerfallserscheinungen werden meist erbittert bekämpft. Auch unsere Kultur hat Angst vor diesem Zerfall und baut vermehrt Denkmäler zur Belebung der eigenen Erinnerung. Die Wiederbelebung alter Traditionen soll den Tod der Kultur verhindern.

Nicht umsonst gehört es zu den üblichen Kriegsritualen, dass man bei der Niederlage eines Systems dessen Symbole, Denkmäler, Embleme und Strukturen zerstört – aus Angst, dieses Fremde, Feindliche, Schlechte könnte im eigenen System vermischt weiterleben und vernichten. Die Angst vor der Assimilation des Fremden ist also die Angst vor Verlust der eigenen kulturellen Identität als Synonym für die Angst vor dem eigenen Tod.

Der Widerstand gegen das Fremde ist der Versuch, den Tod zu verleugnen. Wir vergessen dabei allzu oft, dass jede Kultur wie auch der Mensch selbst von der Inspiration durch bisher Unbekanntes, also Fremdes, durch die Neugier auf das oder den Anderen lebendig bleibt und weiterlebt, und dass eine Zementierung des Besitzstandes ohne Neubelebung zu einer leeren kulturellen Identität führen wird.

Thema Paartherapie

Posted on: May 2nd, 2009 by Roberto Tannchen No Comments

Aus vielen Gesprächen mit Paaren in Konfliktsituationen spricht das lethargische Gift des Alltags. Das Verwalten, die Automatismen, die Flucht ins Fernsehen (der „Zeitschlucker“), die stumpfe, ritualisierte Sexualität, die Leblosigkeit und Isolierung sind einige der vielen Symptome des Nebeneinanderherlebens. Oft ist es zuerst nur einer der beiden Partner, der den Stein ins Rollen bringt, und das nicht selten durch das Einbeziehen einer dritten Person. Solche provozierten Erschütterungen können Einsichten hervorrufen; eine Bearbeitung kann Paare zum Erwachen bringen. Dabei spielt das gegenseitige, aufmerksame Zuhören eine sehr wichtige Rolle. Viele Paare haben dies im Laufe der Jahre „verlernt“. Das Ziel einer Paartherapie besteht daher in erster Linie darin, eine „wohlwollende“ Kommunikation zwischen den Partnern zu fördern. Dies bedeutet, dass die Partner lernen, sich zu öffnen, sich mitzuteilen, Gefühlen, Wünschen und Bedürfnissen Ausdruck zu verleihen und aufmerksam zuzuhören. Das Herstellen dieser „wohlwollenden“ Kommunikation nach einer schmerzlichen Erfahrung dient somit der Wertschätzung des anderen und fördert gleichzeitig ein Bewusstsein der Existenz des anderen.

“Mögen hätten wir schon gewollt, aber dürfen haben wir uns nicht getraut.” (Karl Valentin)

Posted on: December 10th, 2008 by Roberto Tannchen No Comments

Dieses Zitat veranschaulicht meiner Meinung nach sehr gut die neurotische Problematik, mit der ich in meiner psychotherapeutischen Praxis tagtäglich konfrontiert werde. Es handelt von einer als menschliche Tragödie empfundenen, inneren Zerrissenheit, die aber zur menschlichen Natur dazugehört. Im Folgenden werde ich dieses Zitat etwas genauer betrachten:

“Mögen” bezeichnet die Lust, die Triebhaftigkeit, das Kindliche, die Bindung an das Leben. In “hätten” sehe ich etwas, was in der Vergangenheit hätte sein sollen, in der Gegenwart aber nicht existiert. Es spricht damit eine Sehnsucht des Menschen an. “Wir” – anstelle von ich – dient der Verallgemeinerung der Aussage und bezieht den Leser des Zitates in den Gedanken mit ein. “Schon” spiegelt ein Zugeständnis wider; “gewollt” das Ausleben des “Mögens”, also der Lust. Das darauf folgende “aber” macht eine Einschränkung; es ist Ausdruck einer Begrenzung im Sinne eines “Sich seines eigenen Glückes im Wege stehen”. “Dürfen” beschreibt die innere Zerrissenheit zwischen sozialer Anpassung einerseits und der Lust, seinen Wünschen und Bedürfnissen nachzugeben andererseits. Schlussendlich wird mit der Formulierung “getraut” der Mut angesprochen, zu seiner Lust, seinen Wünschen und Bedürfnissen – kurz: zu seinem Leben – zu stehen. Das Zitat spiegelt damit gleichzeitig die Folgen des Preises der Entfremdung wider.

Für den Hinweis auf dieses Zitat bedanke ich mich bei dem Mann der Hoffnung.

Neue Seitenstruktur

Posted on: February 25th, 2008 by Roberto Tannchen No Comments

Das Layout meiner Homepage hat mir weiterhin gut gefallen aber ich wollte leichter und schneller Einträge (ehem. “News”) ändern und hinzufügen können. Daher benutzen meine Seiten ab heute im Hintergrund eine Blogsoftware namens WordPress welche als kleines Content-Management-System sehr hilfreich ist.

Ich hoffe daher, Ihnen von nun an auch hier aktuelle und interessante Inhalte anbieten zu können.

Dennoch bitte ich noch um ein wenig Geduld da die Seite sich nach wie vor im Aufbau befindet.

Danke!